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Schattenzeilen

BDSM-Geschichten lesen und schreiben

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Hinweise beachten Namen, Orte, Handlungen: Im Text erwähnte Namen, Orte und Begebenheiten sind, soweit nicht anders angegeben, fiktiv. Handlungen und Techniken sind nicht vollständig beschrieben, es fehlen Sicherheitshinweise. Mehr dazu ...

 

Liebe voller Hass oder liebevoller Hass

Eine BDSM-Geschichte von Rebecca Loumé.

Er kniete, und dennoch warf ihr Schlag ihn beinahe um.

„Bist du ein Mann oder ein kleiner dummer Junge?“, brüllte sie.

„Ein kleiner dummer Junge, Herrin.“

Verächtliches Schnauben als Antwort, während sie sich von ihm abwandte.

Er nutzte die Gelegenheit, einmal kurz seinen benommenen Kopf zu schütteln, und richtete sich dann schnell wieder gerade auf. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie sie erneut auf ihn zueilte.

Ihr heißer Atem schlug ihm von oben ins Gesicht, als sie ihn anschrie: „So einer wie du hätte nie Kinder bekommen dürfen.“

„Ja, Herrin“, entgegnete er ruhig.

„Du hättest mich nie bekommen dürfen!“

Sie stampfte auf und verließ erzürnt den Raum. Aus dem Nebenzimmer drang ihr lautes Schluchzen an sein Ohr, während sein Kopf nach unten sank.

 

War es also wieder einmal so weit. Die Frau, die er liebte, nutzte ihn erneut als Prellbock. Der Hass, den sie ihm entgegenschleuderte, galt eigentlich einem anderen. Aber er hielt ihn aus. Für sie. Für die Frau, die ihm ihr ganzes Leben erzählt hatte. Die einzige Frau, die sich ihm jemals wirklich geöffnet hatte. Die Frau, die gerade wieder auf ihn zuraste und deren Tränen auf ihn niederprasselten, während sie ihn schlug und trat: „Warum behandelst du mich so? Was hab ich dir denn getan, Papa, was?“

Eine Stiefelspitze rammte sich tief in seine Seite und er kippte keuchend nach vorne.

„Was hätte ich denn tun sollen, Papa? Hätte ich mit dir schlafen sollen?“

Mühsam rappelte er sich hoch. Offenbar erwartete sie eine schnelle Antwort, denn sie packte ihn an den Haaren und riss seinen Kopf nach hinten: „Sag’s mir, du Stück Dreck.“

Wieder donnernde Ohrfeigen, vermischt mit ihren salzigen Tränen auf seinem Gesicht. Als sie kurz innehielt, erwiderte er betont liebevoll: „Schatz, das hätte auch nichts geändert. Wenn ich ...“

Weiter kam er nicht, denn sie verließ wieder schreiend den Raum.

 

Ob sie bemerkt hatte, dass sie ihn wieder mit ’Papa’ ansprach? Sie bemerkte es nicht immer. Manchmal war sie während der Sessions wie im Rausch. Dann schien sie in ihm wirklich ihren Vater zu sehen und reagierte sich ausdauernd an ihm ab. Selbst nach Beendigung einer Session war sie sich nicht immer im Klaren darüber, dass sie ihn gerade als ’Vater’ missbraucht hatte. Er stieß sie dann auch nicht mit der Nase darauf, ihr zuliebe.

Oft lachte sie überrascht auf, wenn in den Tagen nach einer gemeinsamen Session die Blutergüsse auf seinem Körper sichtbar wurden.

„Oh Schatz, da hab ich dich aber ganz schön rangenommen“, sagte sie dann zärtlich mit Mitleid in der Stimme. „Tut es denn sehr weh?“

Stets nahm er sie dann in den Arm und küsste sie: „Alles halb so wild, meine Schöne. Ich liebe dich.“

Falls sie das nicht beruhigte, bedeckte er sie so lange mit kleinen Küsschen oder kitzelte sie, bis ihre Augen wieder fröhlich waren und sie lächelnd davon ging. Er selbst blieb verliebt zurück.

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Kommentare von Leserinnen und Lesern

Gregor

Autor.

23.09.2020 um 09:10 Uhr

Da wäre ich ja Psycho Schattenwölfin

BDSM ist eine sexuelle und partnerschaftliche Variante, keine psychische Störung.

Psychisch gestört wird es, wenn BDSM ikonenhaft erhöht wird, als einzig wahre und tiefe Form des Zusammenlebens interpretiert wird. Das ist bei allen Dingen im Leben so, nicht nur im BDSM.

Die Geschichte bestärkt keine Vorurteile. Sie zeigt eine Störung der Frau, die jederzeit in unterschiedlichen Bereichen des Lebens auftreten kann, nicht nur beim BDSM. Eine Nähe zum BDSM ist schlicht falsch. Die gibt es nicht. Stark ist, was Nachtasou dazu geschrieben hat. Das bringt das Thema in unserer Zettelwirtschaft  auf den Punkt.

Schattenwölfin

Autorin. Lektorin.

23.09.2020 um 07:03 Uhr

Danke Gregor für die Textstellen, die allesamt deutliche Hinweise auf eine Störung sind. Das habe ich auch nicht anders gelesen. Also müssen wir uns im Folgenden missverstanden haben:

Du hast kommentiert: "Gefährlich ist die Nähe, das Gleichsetzen von BDSM und psychischer Krankheit".

Ich konkretisiere meine Rückfrage mal: Siehst Du konkret ein Gleichsetzen von BDSM und psychischer Störung oder befürchtest Du, dass eine Geschichte wie diese geeignet ist, hier bestehende (Vor)Urteile zu bestärken? (Das meinte ich mit "Wer stellt die Nähe her?")

Letzteres würde ich sofort unterschreiben.

Schattenwölfin

Schattenwölfin

Autorin. Lektorin.

23.09.2020 um 06:49 Uhr

Nachtasou

Den Titel der vorliegenden Geschichte halte ich für das Schwächste am Text. a) Technisch, weil es ein Stilmittel der Fabel oder Moritat ist, die "Moral von der Geschicht" vorwegzunehmen. Da ist jede Chance auf Pointe oder eigene Lesarten am Startblock schon geplatzt. War ja früher mal für Leseunkundige gemacht.

b) Inhaltlich: Natürlich kann Hass überall sein. Besonders da, wo Verbundenheit und starke Gefühle vorhanden sind. Wo denn sonst? Davon ist die Sexualität erst recht nicht ausgenommen.

Geschätzer Nachtasou

Das sehe ich nach wie vor anders mit dem Titel, und ich denke auch, dass jeder einem Buch/Geschichtentitel eine andere Funktion zuschreiben (besser: lesen?) kann.

a) Eine Pointe, die hätte platzen können, sehe ich in dieser Geschichte überhaupt nicht.

Ich finde den Titel zunächst einmal "einladend" im Sinne von Neugier weckend; tatsächlich war er es, der mich für das Lesen genau dieser Geschichte unter den letzten Veröffentlichungen hat entscheiden lassen. Beim Lesen dann habe ich nicht jeden Absatz vor dem Hintergrund des Titels geprüft, sondern bin allein der Handlung gefolgt. Und in der Rückschau finde ich den Titel treffend. Es gibt auch Filme, die so konzipiert sind, dass einen der Ausgang geradezu zwingt, sich die ein oder andere Szene noch einmal vors Auge zu holen. So ging es mir hier bezüglich des Titels.

b) Ich wette, dass die meisten Menschen sagen würden, dass Hass in der Sexualität gerade nichts verloren hat, sehe es aber wie Du: Er kann überall sein und ist es sicher auch. De Frage ist halt: Was macht das mit den betroffenen Menschen? Ich verstehe aber nicht ganz, warum Du hier eine Schwäche des Titels siehst.

Nachtasou

In dieser Diskussion vermischt sich manches und wird missverständlich. Man kann über einen Text reden, über Leserreaktionen oder über Genres. Auch über vermeintliche Absichten der Textautorin. Das sind Ansätze, die jedoch voneinander unterschieden werden müssen.

Danke für das Aufdröseln, das habe ich seit der Beendigung meines Deutsch-LKs tatsächlich wohl verdrängt

Schattenwölfin

Nachtasou

Autor.

23.09.2020 um 00:58 Uhr

Schattenwölfin

Ich finde das Gelesene auch grenzwertig. Für mich verdichtet es sich letzten Endes in der Frage, inwieweit im BDSM Platz für Hass ist – hier ein Extra-Sternchen für den großartigen, weil treffenden Titel.

In dieser Diskussion vermischt sich manches und wird missverständlich. Man kann über einen Text reden, über Leserreaktionen oder über Genres. Auch über vermeintliche Absichten der Textautorin. Das sind Ansätze, die jedoch voneinander unterschieden werden müssen.

Zu den Genres: 

Was in einem üblich ist, geht in einem anderen Genre nicht. Kein Krimileser legt beim ersten Delikt erbost sein Buch beiseite. In einem Thriller dürfen Hauptpersonen Psychopathen sein. In einer Romanze wird einvernehmlich, mustergültig und zur Nachahmung empfohlen angehimmelt.

BDSM-Texte haben noch keine Genre-Heimat. Aber auf den Schattenzeilen gibt es so etwas wie einen Genre-ähnlichen Korridor. Das hat vermutlich einen guten Grund.

Wir haben auch schon Sci-Fi auf den Schattenzeilen lesen dürfen. Natürlich gibt es dann vielleicht die eine oder andere Leser-Pappnase, die kritisiert, der Inhalt sei unrealistisch. Ist sein gutes Recht, dann hat er halt den falschen Text gelesen und soll nächstes Mal besser aufpassen.

Den Titel der vorliegenden Geschichte halte ich für das Schwächste am Text. a) Technisch, weil es ein Stilmittel der Fabel oder Moritat ist, die "Moral von der Geschicht" vorwegzunehmen. Da ist jede Chance auf Pointe oder eigene Lesarten am Startblock schon geplatzt. War ja früher mal für Leseunkundige gemacht.

b) Inhaltlich: Natürlich kann Hass überall sein. Besonders da, wo Verbundenheit und starke Gefühle vorhanden sind. Wo denn sonst? Davon ist die Sexualität erst recht nicht ausgenommen.

Zu den Leserreaktionen:

Die fallen sehr verschieden aus. Wenn ein Text diskussionsanregend wirkt, ist er entweder vielschichtig oder nicht ausgearbeitet. Schon der Kürze wegen kann er nicht vielschichtig sein, weil gar kein Platz ist, nachvollziehbare Personen zu zeichnen. Ich find die Ausgangskonstellation spannend, und wert ausgearbeitet zu sein. "Was, wenn ein Partner inzestuöse Missbrauchsinhalte (erlebt, phantasiert, gewünscht) in eine aktuelle Liebesbeziehung hinein trägt?" Ist zwar hanebüchen, aber kein unspannender Ausgangspunkt.

Zu den Absichten:

Wer so etwas ausarbeitete, führt BDSM-Neigungen nicht auf solcherart Vorleben zurück. Er behauptet einen Einzelfall.

Bsp.: Wenn in einem fiktionalen Text ein Augenoptiker einen Kunden abmurkst, ist das ja auch keine Attacke auf einen Berufsstand. Der Autor würde sich aber ebenso sagen lassen müssen: das hat mit Augenoptik nichts zu tun. Und dass er den Kunden damit von seiner Sehschwäche heilen wollte, ist dann auch nicht behauptet. Der Text würde weder in der Augenoptiker-Postille erscheinen noch in der forensischen Fachliteratur, sondern im Krimi-Regalfach stehen, wenn er gut geschrieben ist.

Gregor

Autor.

22.09.2020 um 21:59 Uhr

Inhalt wird erst nach AVS-Überprüfung angezeigt.

Der Inhalt dieses Beitrags ist aus Gründen des Jugendschutzes nicht frei einsehbar.

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Schattenwölfin

Autorin. Lektorin.

22.09.2020 um 15:36 Uhr

Im Grunde wollte ich langsam wieder aus der Bewertungspause auftauchen. Diese Geschichte hat mich nun aber eher herauskatapultiert …

Sehr heftig!

Noch heftiger finde ich aber in Teilen die bisherigen Kommentare. Es mutet in meinen Augen befremdlich an, wenn der BDSMler des 21. Jahrhunderts Begriffe wie „krankhaft“ und „psychische Störung“ verwendet.

Vor weniger als 100 Jahren wurden Fesselspiele, die uns hier nicht mal ein müdes Lächeln entlocken, so bewertet und viele Menschen hätten sich angeekelt abgewandt.  

Und auf den Kommentar von Gregor „Gefährlich ist die Nähe, das Gleichsetzen von BDSM und psychischer Krankheit“ sei die Rückfrage erlaubt: Wer stellt die Nähe her? Der Text? Der Leser?

„Da hilft auch Liebe als Medizin nicht“, ist zwar wahrscheinlich, aber kann man es wirklich ausschließen? Der Sub scheint davon überzeugt zu sein, er empfindet Lust, er wählt nicht das Safewort.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich leugne nicht, dass es psychische „Störungen“ gibt, die Betroffene versuchen durch BDSM erträglicher zu machen und/oder zu heilen. Ich finde das Gelesene auch grenzwertig. Für mich verdichtet es sich letzten Endes in der Frage, inwieweit im BDSM Platz für Hass ist – hier ein Extra-Sternchen für den großartigen, weil treffenden Titel. Ich kann es mir nur sehr schwer vorstellen, aber mir fallen andererseits BDSM-Spielarten ein, bei denen ich mich viel eher abwenden würde.

Alleine weil die Geschichte all diese Fragen aufwirft, gehört sie für mich sehr wohl hierher.

Schattenwölfin

20.09.2020 um 12:43 Uhr

Die Geschichte gehört nicht auf eine BDSM-Seite. Weil sie von psychischen Störungen handelt, deren Blitzableiter unkontrollierte und unkontrollierbare Gewalthandlungen sind. Dass die Handlung packend erzählt ist, steht auf einer anderen Seite der Medaille, allein dafür gilt mein Lob.

Robert S

Autor.

19.09.2020 um 23:17 Uhr

Diese Geschichte zog mich beim Lesen an wie ein Magnet. Furchtbar einerseits, atemlos, konsequent, hart und fesselnd geschrieben. Ein Strudel. BDSM ist auch Obsession, kann, wie alles am Menschen, extrem sein, grenzwertig. Starke Emotionalität ist hinter der Handlung spürbar, offen im Wahn bei ihr, verdeckt, aber noch stärker bei ihm.

Mutige Schreibe!

Ich hoffe, hier kommen weitere Geschichten von dir.

Treibholz

Autor.

16.09.2020 um 01:03 Uhr

Oh, was für eine Geschichte. Ein Rollenspiel, wenn es das ist - die Protagonistin wechselt in die Rolle ihres früheren Ichs und wieder zurück, offenbar völlig ohne Kontrolle. In der Haut des Jakob wollte ich definitiv nicht stecken. Bei ihrem Kontrollverlust befindet er sich in einer Lage, die für ihn gefährlich ist, abgesehen davon, dass er sich in der Rolle des Papas allein schon fürchterlich vorkommen muss.

Definitiv keine geeignete Gutenachtgeschichte.. aber sehr bildhafter Stil, hervorragend geschrieben.

13.09.2020 um 19:17 Uhr

Besten Dank für all eure Leserstimmen und Bewertungen - die schon abgegeben wurden, und die noch kommen werden.

Schön, dass die Geschichte unterschiedlich erlebt, interpretiert und bewertet wird.

Da ich gern die klassische Feedbackregel "annehmen und schweigen" befolge, verbleibe ich nun wieder als stille, interessierte Kommentarleserin.

Berücksichtigt wurden nur die letzten Kommentare.

Zu allen Beiträgen im Forum zu dieser Veröffentlichung.