Halten
Zwischen Burgern, Bühne und Schlafzimmerteppich lernt Jan seine erste Liebe näher kennen – und die Verantwortung, die man trägt, wenn man alle Verantwortung abgibt.
Eine BDSM-Geschichte von Eisvogel.
Das Schild draußen tut so, als sei es immer wach. Drinnen summt die Fritteuse und die Edelstahlflächen sind ehrlich wie Spiegel: Sie verzeihen nichts und sehen trotzdem nicht weg. Ich binde meine Schürze, sortiere die Servietten und stelle die Trinkhalme so hin, dass sie sich nicht mehr fürchten müssen, zu kippen. Es beruhigt, was sich ordnen lässt.
Links beim weißen Tisch, den ich Möweninsel nenne, ein Pärchen, ineinander verhakt. Sie: rote Lippen, die zu viel wissen, und lange, schwarze Lederstiefel, die alles ohne ein Wort kommentieren. Er: Lederjacke, Hände unter ihrem Shirt, die Welt auf Flugmodus. Die beiden küssen sich, bis die Luft im Raum knapp wird. Ich sehe hin, ich sehe weg, ein Tanz aus Voyeurismus und Feigheit.
Mein Chef, Mitte vierzig, kaut auf einem Zahnstocher wie auf einer Meinung.
»Boah«, sagt er, »die kleben da schon seit zehn Minuten zusammen.«
Ich nicke und verstecke mich, aber er findet mich.
»Perfekte Gelegenheit«, grinst er, »um mal Verantwortung zu übernehmen.«
»Ich?«, frage ich zu harmlos.
»Sag ihnen, sie sollen sich zusammenreißen.«
Ich schüttle den Kopf. Nicht aus Prinzip, aus Unfähigkeit. Das Mädchen hebt just in dem Moment ihren rechten Stiefel an, eine kleine, glänzende Bewegung, die mehr sagt, als sie darf.
»Dann eben Yusuf«, stöhnt er und seufzt hörbar.
Yusuf wischt gerade ein Tablett sauber, langsam, gewissenhaft, wie ein Gebet.
»Was ich machen?«, fragt er, und der Chef zeigt auf die Ecke.
»Sagen, dass … na, eben nicht so aneinanderkleben.«
Yusuf sieht erst zu mir, dann zu ihnen, geht hin, höflich wie ein Regenschirm.
»Verzeihung«, beginnt er. »Leute essen hier. Vielleicht … weniger Porno, ja?«
Sie hebt den Kopf, verwirrt und amüsiert. Er grinst breit und äußert so was wie »Sorry, Officer«. Sie kichert. Yusuf nickt, entschuldigt sich nochmal und kommt zurück.
Mein Chef lacht. »War’n Versuch wert.«
Yusuf schaut zu mir, fragt nichts. Ich schwitze, obwohl ich nur geguckt habe. Später, die Glocke hat den letzten Gast ausgeatmet, gehen wir beide hinten raus. Der Hof riecht nach altem Fett und ehrlicher Luft. Ich lehne an der Wand und rauche, obwohl ich es mir fast abgewöhnt habe. Yusuf raucht mit, teilt das Schweigen in zwei verträgliche Hälften.
»Warum du nicht gegangen?«, fragt er ohne Anklage.
»Weiß nicht«, erwidere ich, und weiß es doch.
Er schnaubt. Ich grinse verlegen, schaue zu Boden.
»Vielleicht … fand ich sie süß.«
»Ah …«, lächelt er. »Du willst nicht böse sein zu schöne Frau.«
Er lässt eine kleine Pause fallen, gerade lang genug, damit sie nicht wehtut.
»Oder du magst Stiefel.«
Ich brauche eine Sekunde zu lang, um zu lachen. »Quatsch!«
»Kein Problem, Bruder«, winkt er ab und zieht an seiner Zigarette. »Jeder hat seine Sachen.«
Wir rauchen nebeneinander, unsere Bewegungen scheinen eingeübt. Irgendwann sagt er ganz weich: »Aber hingehen musst du trotzdem mal.«
»Vielleicht wann anders«, antworte ich, und es klingt wie ein Versprechen, das weiß, dass es warten darf.
Meistens wache ich fünf Minuten vor dem Wecker auf. In der Küche ist es kühl, die Tassen stehen wie braves Porzellan und der Tee dampft so, dass man die Hände drüberhalten kann, ohne tapfer zu sein. Meine Mutter summt, kein Lied, eher eine vorwurfsfreie Erinnerung daran, dass Menschen schon schlimmere Morgen überlebt haben. Wir teilen uns den Zucker. Ich nehme weniger, damit sie den Eindruck hat, ich sei ein guter Mensch. Das ist unser Familiensozialismus.
Der Bus riecht nach nassen Jacken und den Plänen anderer Leute. Wenn ich Glück habe, sitze ich am Fenster; es fällt mir leichter, Dinge auszuhalten, wenn ich an ihnen vorbeifahre. An der Schule steige ich aus und bin sofort in diesem Geruch aus Kreide und Heizkörpern, der sich den Frühling schönredet. Im Treppenhaus ein großes Plakat: »Die schöne Helena«. Ein Pfeil zeigt in Richtung Aula.
In meinen Kursen sitze ich in der zweiten Reihe. Der Platz ist für Leute reserviert, die nicht stören, aber auch nicht verschwinden wollen. Ich schreibe das Datum schön. Ein sauberer Anfang ist die halbe Rettung, habe ich mir gemerkt.
Frau Dreyer kommt mit ihrer Kaffeetasse herein.
»Guten Morgen«, begrüßt sie uns, und sie meint es auch. Ich habe sie gern, weil sie Wörter in die richtige Richtung schiebt, ohne sie zu zerdrücken.
Vicky kommt spät, aber nicht unverschämt spät. Nur so, dass man gern hinschaut. Sie hat eine dieser Jacken, die an anderen Leuten Mode sind und an ihr einfach selbstverständlich aussehen. Neunzehn, sitzengeblieben, es wirkt bei ihr wie ein Bonusjahr. Sie ist nicht gut in Dingen, für die man Hefte kauft, aber perfekt in Raum, in Stimmung, im richtigen Lachen. Wenn sie »Hi« sagt, haben Leute das Gefühl, sie hätten bestanden. Keine Ahnung, wie ich über sie sprechen kann, ohne kitschig zu werden. Kommt sie in die Klasse, wird es heller, ohne dass jemand das Licht anmacht. Natürlich verehre ich sie. Man verehrt ja auch Sonnentage im Februar, ein bisschen misstrauisch, aber dankbar. Gesprochen habe ich aber noch nie mit ihr, nicht richtig jedenfalls. Einmal habe ich ihr zugemurmelt, sie habe ihren Stift fallen gelassen. »Behalt ihn«, hat sie mir geantwortet, ohne mich anzuschauen. Der Stift liegt jetzt auf meinem Schreibtisch; manchmal streichle ich ihn, bevor ich ins Bett gehe. Sie lacht so mitreißend, dann schlägt mein Herz wie ein Presslufthammer. Ich träume davon, sie schaut zu mir, nicht, weil sie was will, sondern weil ich ich bin, und ich grüße sie mit normaler Stimme. In meinen Träumen gelingt es mir.
Vor zwei Wochen hat sie mich wirklich kurz bemerkt. Ich ließ im Flur die Mappe fallen, meine Papiere rutschten wie Fische über den Boden, ich kniete mich hin, um sie einzusammeln. Ihre Schuhe waren in meinem Blickfeld, weiß, sauber genug, um Spiegel zu spielen. Sie kommentierte die Szene nicht. Aber als ich hochlinste, zog sie eine Braue hoch. Jemand reichte mir ein paar Blätter, ich bedankte mich und stand auf. In mir brannte und fror es gleichzeitig. Es war kein schöner Moment. Aber er war von ihr ausgeleuchtet.
»Innerer Monolog«, sagt Frau Dreyer und hebt die Tafelkreide wie eine Posaune. Ich bin natürlich vorbereitet. Ich bereite immer alles vor. Ich hebe die Hand genau so, dass es auffällt. Mein erster Satz funktioniert, der zweite verliert auf halber Strecke die Schuhe, der dritte findet sie wieder. Und dann kommt es, wie es kommen muss: Vicky dreht sich halb zur Klasse, halb zu mir. »Ich hör’ nix«, ruft sie und hält die Hand ans Ohr. Sie ist eine geborene Schauspielerin, aber manchmal übertreibt sie. »Gibt's Untertitel?«
Ein paar kichern, wie immer, wenn sie einen Witz macht. Ist nicht böse gemeint, es ist das Geräusch derer, die sich für die richtige Seite entschieden haben. Ich sehe Vickys Nägel, in einem Rot lackiert, das man nur mit sehr glatten Gesten tragen kann, räuspere mich, mache die Stimme größer und schaffe es bis zum dritten Wort, bevor sie in ihre alte Größe zurückrutscht.
»Laaauter, Jan«, rügt Vicky, jetzt mit dem singenden Ton, in dem man mit kleinen Kindern spricht. »Wir sind hier nicht beim Geheimdienst.«
Frau Dreyer hebt die Hand, beruhigend, aber nicht streng.
»Ruhe bitte. Jan, einfach weiter.«
Das mache ich. Insgesamt bin ich mit meinen Ausführungen fast zufrieden. Sie klangen nicht wie auswendig gelernt, sondern wie verstanden. Vicky hat sich schon längst wieder weggedreht, eine Haarsträhne hinters Ohr gestreichelt. Frau Dreyer nickt wohlwollend. Mein Kopf sagt: Gut gemacht. Mein Herz sagt: Noch nicht.
Gespannt darauf, wie es weitergeht?
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