BDSM-Geschichten und andere erotische Texte und Literatur

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Rauhnächte

BDSM-Geschichte von eileen

Leselupe

Wenn die Menschen heute an den Dezember denken, denken sie an Weihnachtsmärkte, an Glühwein, die Weihnachtstage mit Baum und Geschenken, an Silvesterböller und Schneeballschlachten. Bei manchem wird die Fantasie vielleicht mehr von Knecht Ruprecht und seiner Rute angeregt. Wir denken an die Geburt Christi und eine besinnliche Zeit mit Familie und Freunden.

 

Doch das war nicht immer so. Im Jahr 674 n. Chr., dem Jahr, in dem diese Geschichte spielt, wussten die Menschen nichts vom Christkind oder dem Weihnachtsmann. Aber auch für sie war diese Zeit etwas Besonderes. Die Nacht am 21. Dezember, die Wintersonnenwende und längste Nacht des Jahres, war die erste der zwölf Rauhnächte. In diesen Nächten wurde laut dem damaligen Glauben ein Durchgang vom Jenseits zum Diesseits geschaffen. Für die Menschen damals waren diese Nächte die Zeit der Hexen, Geister und Dämonen, vor denen es sich zu schützen galt. Und wie die Rauhnächte beginnt auch meine Geschichte am Abend der Wintersonnenwende. 

 

Die Gaue, in der die Dorfgemeinschaft lebte, lag in einem Tal und die Gemeinschaft bestand aus freien Bauern. Die Unterdrückung und Ausbeutung, die mit den Karolingern ihren Anfang nahm, lag noch über hundert Jahre in der Zukunft, und die Bewohner hier arbeiteten auf ihrem eigenen Land für ihr Auskommen. Der Fluss, der sich von Osten her durch das Tal zog, war lebensnotwendig und der Hauptgrund, warum sich die gut vierzig Familien hier niedergelassen hatten.

Biancas Familie lebte, wie alle Bewohner hier, in einem Haus aus Holz und Lehm. Der Wald, im nördlichen Teil des Tals, brachte genug Holz für Häuser, Ackergerätschaften, Möbel, Schuhe und Geschirr. Vor dem Haus war der Hof mit Stall und einem Brunnen, hinter dem Haus waren die Felder, die der Familie gehörten. Zur rechten Seite standen vereinzelte Obstbäume, daneben erstreckte sich Weideland, das ebenfalls im Besitz der Familie war. Es gab auch Weideplätze, die wie der Wald zu den sogenannten Allmenden gehörten, Plätze, auf die Niemand einen Anspruch hatte und die von allen genutzt werden konnten.

An diesem Abend des 21. Dezembers war das Haus von Biancas Familie frisch geputzt. Böse Geister nisteten sich gern in Unordnung ein, darum hatte die ganze Familie geholfen, in den letzten Tagen Ordnung zu schaffen.

An der Feuerstelle in dem düsteren Raum saßen fünf Personen. Die spärliche Möblierung war nur schemenhaft zu erkennen und die Luft war stickig, vom Rauch des Feuers. Bianca, mit neunzehn Jahren die ältere Tochter des Hauses, und ihre elf Monate jüngere Schwester Helene verabschiedeten sich, um ihr Nachtlager aufzusuchen. Leonhard, Biancas Vater, war ein äußerst begabter Handwerker. Er hatte unter dem Dach einen hölzernen Zwischenboden errichtet. Das Ergebnis war eine kleine Kammer unter dem Dach, in der das Lager der Mädchen Platz hatte und das mit einer Leiter zu erreichen war. Es war bitterkalt dort oben, doch der Rauch war nicht so stark. Beiden Mädchen war die Kälte lieber als die stickige Luft, die einen kaum atmen ließ.

Sie legten sich in ihren Unterkleidern aus Leinen auf das Lager aus Stroh, ihre übrigen Kleider als Decken über ihren Körper gebreitet. Sie kuschelten sich aneinander, um die Körperwärme zu nutzen.

»Glaubst du, die Wilde Jagd kommt heute Nacht?«, fragte Helene ihre Schwester.

»Es gibt keine Wilde Jagd«, antwortete diese.

»Doch, die gibt es! Großmutter sagt es auch.«

»Ich bitte dich, Helene. Geister, die in der Gruppe durch das Tal laufen? Dämonen, die sich unter sie mischen? Das sind doch nur Märchen.«

»Du würdest doch nachts auch nicht allein das Grundstück verlassen. Du hast genauso Angst davor.«

»Blödsinn! Natürlich würde ich mich trauen.«

»Würdest du nicht!«

»Ach nein? Dann pass mal auf.« Bianca erhob sich vom Lager. Dann streifte sie zwei Überkleider und ihren Mantel aus Schafswolle über.

»Was machst du?«, fragte Helene erschrocken. Du bist verrückt, leg dich wieder hin.«

Bianca schlüpfte in ihre Holzschuhe und nahm ihre schwarze Kappe aus Filz. »Ich habe keine Angst. Du wirst es schon sehen.«

»Tu es nicht! Du wirst von der Wilden Jagd mitgezogen und musst dann mit den Toten wandern.«

»Du bist ein Schaf, Helene. Es gibt keine Geister, ich beweise es dir.« Bianca stieg vorsichtig die Leiter zum Hauptraum des Hauses herab. Ihre Eltern lagen auf ihrem Strohlager vor der Feuerstelle. Nur ihre Großmutter Ida hatte ein Bett, das neben dem Lager der Eltern stand. Es bestand aus einem einfachen Holzgestell, das mit Lederriemen gebunden und mit Stroh gepolstert war. Durch ein erhöhtes Kopfteil ruhte Ida halb sitzend darauf. Durch den Rauch des Feuers war die Angst, im Schlaf zu ersticken, allgegenwärtig. Die sitzende Position erleichterte Ida das Atmen.

Bianca schlich leise durch den Raum und zur Tür hinaus auf den Hof. Kalter Wind biss in ihre Haut. Sie ging am Stall vorbei und an dem Baumstammbrunnen. Leonhard hatte diesen ausgehöhlt und mit Hilfe eines Mannes aus der Gemeinschaft über zwei Meter in die Erde getrieben. In der hinteren Ecke des Hofes war der Platz für die Notdurft.

Sie hörte, wie die Zweige der Obstbäume im Wind raschelten. Ein wenig mulmig wurde ihr hier draußen im Dunkeln schon. »Sei nicht dumm«, schalt sie sich selbst. »Es ist nichts Anderes, als tagsüber nach draußen zu gehen.«

Sie kam zu dem Weg, der vor ihrem Grundstück entlang lief. Er lag still und verlassen da und Bianca atmete erleichtert aus. »Na also, nichts, wovor man sich fürchten müsste.« Sie beschloss, noch kurz hier zu warten und wieder schlafen zu gehen.

Dann erstarrte sie, sämtliche Muskeln verkrampften sich vor Schreck. Jemand stand hinter ihr. Sie spürte die Körperwärme, die dieser Jemand ausstrahlte, er schien viel wärmer zu sein als jeder Mensch, dem sie je begegnet war. Und sie spürte seine Präsenz. Es war, als würde eine Aura aus dunkler Macht in Wellen über ihren Rücken streichen. Sie dachte an Feuer und an Wacholderbeeren, dann hörte sie ein Atmen, direkt an ihrem Ohr. Mit einem entsetzten Stöhnen wirbelte sie herum, doch der Weg hinter ihr war verlassen. Sie rannte zurück über den Hof, erst als sie das Haus betrat, zwang sie sich, langsam und leise zu gehen, um niemanden zu wecken.

Helene empfing sie aufgeregt. »Ist alles in Ordnung?«

»Natürlich.« Bianca entkleidete sich und war froh, dass Helene im Dunkeln ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sie tat so, als würde sie sich nur wegen der Kälte so eng an ihre Schwester schmiegen. »Ich sagte dir doch, das sind alles nur Märchen.« Doch Bianca spürte auch jetzt noch die seltsame Präsenz, als würde dieser Jemand vom Weg direkt neben ihrem Lager stehen.

 

 

Am nächsten Tag schmückten sie den Hauptraum des Hauses mit Tannenzweigen. Diese waren ein Symbol für Fruchtbarkeit, Gesundheit und Wachstum. Aber sie sollten auch vor bösen Geistern schützen und wurden darum auch über die Tür und die kleinen Öffnungen gehängt, die als Fenster dienten.

Am Nachmittag gingen Bianca und Helene zu den Obstbäumen. Die Sonne schien und es herrschte eine trockene Kälte. Die Mädchen trugen hölzerne Schüsseln bei sich, die mit Brot, Honigkuchen und Hülsenfrüchten gefüllt waren. Die Familie fastete, wie alle im Dorf und sie durften die Bohnen und Linsen an diesen Tagen nicht essen. Doch sie waren heute als Opfergabe gedacht. Das Opfer war einerseits eine Anrufung der Natur und hatte das Ziel, dass die Bäume auch im nächsten Jahr reiche Frucht trugen. Doch es war auch eine Besänftigung für die Wilde Jagd, Geister von Menschen, die durch tragische oder gewaltsame Umstände vor ihrer Zeit gestorben waren. In den Rauhnächten zogen sie gemeinsam durch das Land und manchmal mischten sich auch Dämonen und Hexen unter sie und durchstreiften die Welt der Lebenden.

Bianca verteilte in sich gekehrt das Essen unter den Bäumen. Die fremdartige Aura hatte sie keinen Moment verlassen, auch jetzt spürte sie die Macht um sich. Den ganzen Tag schon sah sie immer wieder über die Schulter, ständig in der Erwartung, dass dieses Etwas dastehen und sie beobachten würde. Langsam zweifelte sie an ihrem Verstand, gleichzeitig fürchtete sie, dass sie in der vergangenen Nacht wirklich etwas von draußen ins Haus gebracht hatte.

Ihr Blick streifte gedankenverloren umher, als sie auf die Weide sah, erschrak sie furchtbar. Ein Mann stand dort, den Kopf zu ihnen gewandt. Es war viel mehr der Schatten eines Mannes, Bianca sah nur seine dunkle Silhouette. Sie fragte sich, wie das möglich war, er stand auf der Weide, unter blauem Himmel und die Sonne schien. Sie hätte ihn gut erkennen müssen.

»Helene, sieh nur«, wandte sie sich an ihre Schwester und zeigte auf die Weide.

Helene sah in die angegebene Richtung. »Was soll ich sehen?«, fragte sie dann irritiert.

»Den Schatten, den Mann, der da steht«, Biancas Stimme zitterte.

»Da ist Niemand, Bianca, das bildest du dir ein.«

»Aber da steht er doch!« Bianca klang verzweifelt, ihr Gesicht war blass geworden. »Wie kannst du ihn denn nicht sehen?«, jetzt schrie sie fast.

Helene ging auf ihre Schwester zu und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Betont ruhig sagte sie: »Bianca, da ist nichts, sieh gar nicht mehr hin. Wir legen die restliche Nahrung unter die Bäume und gehen dann ins Haus. Und du wirst so lange nicht mehr zur Weide schauen, in Ordnung?«

Bianca nickte und sie machten sich eilig an ihre Aufgabe. Auf dem Rückweg zum Haus rannten sie fast.

 

 

Die Tage vergingen. Der 23. und 24. Dezember, die beiden Haupttage des Fastens, waren geschafft. In dieser Zeit wurden in den Häusern nur Brotsuppe und trockenes Brot gereicht. Alle waren erfreut, denn heute, am 25. Dezember, war die Fastenzeit vorbei und es würde ein Festmahl geben. Helene hatte Bianca aufmerksam beobachtet, aber die Schwester wirkte über die Tage immer entspannter und Helenes Besorgnis ließ nach.

Auch am Tag war es im Haus düster und das Atmen wurde wie immer durch den Rauch erschwert. Die Einrichtung war sehr dürftig. Es gab die Feuerstelle, die Nachtlager von Biancas Eltern und ihrer Großmutter davor, zwei Truhen, in denen Kleidung und Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden. Zum Sitzen gab es eine Bank und fünf Schemel, die um einen Tisch standen. Alle Möbel waren von Leonhard aus Holz gefertigt und einfach und schnörkellos.

Die Familie saß vor ihrem heutigen Festmahl. Es gab Fisch als Symbol für Fruchtbarkeit, Linsen für Wohlstand, Äpfel für die Gesundheit und Brot mit Salz für ein langes Leben. Bianca genoss das Mahl mit ihrem fühlbaren Begleiter. Sie hatte ihn seit dem Tag bei den Obstbäumen nicht mehr gesehen, doch fühlen konnte sie seine Aura die ganze Zeit. Was sie anfangs so entsetzt hatte, war die Vorstellung, dass etwas Übernatürliches bei ihr war. Doch niemand konnte sich tagelang ohne Unterlass fürchten. Die Angst wurde schal, stumpfte ab und irgendwann nahm sie die ständige Anwesenheit des Unbekannten mit einem inneren Schulterzucken hin. Mit einer gewissen Neugierde konzentrierte sie sich nicht mehr auf die Umstände, sondern auf die Präsenz an sich. Noch immer empfand sie die immense Stärke, die sie etwas einschüchterte. Doch sie konnte spüren, dass sich diese Kraft nicht gegen sie richtete. Vielmehr fühlte sie sich durch sie geschützt. Seit Tagen fror sie nicht mehr, weder nachts im Lager, noch wenn sie draußen war, als würde ihr Begleiter sie von der Kälte abschirmen. Es kam ihr vor, als befände sie sich in einem Kokon, in den nichts eindringen konnte, das ihr schaden wollte. Sie hatte festgestellt, dass ihr dieses Gefühl gefiel, sie spürte eine Verbindung zu diesem Wesen und wollte seine Gegenwart nicht mehr missen.

Nach dem Essen gingen alle nach draußen. Leonhard spielte die Laute und Bianca und Helene tanzten, während Ida und Maren, die Mutter der Mädchen, fröhlich klatschten. Bianca bemühte sich beim Tanzen um möglichst viel Anmut, denn auch, wenn er ihren Blicken verborgen blieb, konnte ihr Begleiter sie sicher sehen. Als die Dämmerung einsetzte, setzte die Familie sich um die Feuerstelle und unterhielt sich, bis es Zeit zum Schlafen war.

 

 

Maren schreckte aus dem Schlaf hoch, als sie von draußen ein schreckliches Heulen und Jammern vernahm. »Leonhard«, weckte sie ihren Mann. »Hör nur, die Wilde Jagd kommt vorbei.«

Leonhard nahm seine verängstigte Frau in den Arm.

»Ganz ruhig. Die Fenster sind verschlossen und die Zweige hängen draußen. Sie werden einfach am Haus vorbeiziehen, uns wird nichts passieren.«

»Haben die Mädchen das Fenster mit Holz verdeckt?«, fragte Maren besorgt.

»Natürlich. Schließe die Augen, sie sind gleich an uns vorbei.«

Mit laut klopfendem Herzen schmiegte sich Maren an ihren Mann.

 

 

Bianca hörte im Traum die lieblichste Musik, gespielt auf Instrumenten, die sie noch nie gehört hatte. Bilder blitzten auf, vom Schatten, der langsam näher kam und sich dann auf ihrem Lager niederließ. Und Empfindungen gab es. Ein Körper auf ihr, so heiß, dass er sie zu verbrennen schien. Lederne Riemen um ihre Handgelenke, die ihre Arme auf dem Lager fixierten. Scharfe Fingernägel, die über ihren Körper fuhren und süße Schmerzen hinterließen. Zähne, die sich rücksichtslos in ihre Haut bohrten und eine Zunge, die den Schmerz besänftigte, bis er an anderer Stelle erneut aufloderte. Ein Eindringen in ihre Mitte, erst schmerzhaft, dann lustvoll. Das Gefühl zu schweben und dann eine plötzliche Leere, als der Körper verschwand und eine innere Kälte, die sie fassungslos zurückließ, während sie weinte und wimmerte.

 

 

Maren war in einen unruhigen Schlaf gefallen, als Helene sie unsanft wachrüttelte. »Was ist denn, Kind?«, fragte sie erschrocken. »Warum schläfst du nicht?«

»Du musst sofort mitkommen, es ist Bianca«, Helenes Stimme überschlug sich fast vor Angst.

Maren folgte Helene die Leiter hinauf. Leonhard und Ida waren ebenfalls erwacht und sahen den Beiden angespannt nach. Maren war entsetzt von dem Anblick, den ihre Tochter bot. Bianca lag weinend auf ihrem Lager, doch sie schien nicht bei vollem Bewusstsein zu sein. Ihr Unterkleid war verschwunden und die Kleidung, die sie als Decken verwendete, lag verknüllt neben dem Lager verteilt. Trotz der eisigen Kälte war sie schweißgebadet, die Arme hatte sie fordernd in die Luft gestreckt, als versuche sie, etwas Unsichtbares festzuhalten.

Maren trat an das Lager. Sie sah Kratzspuren auf Biancas Körper und seltsame Abdrücke, wie von Zähnen.

»Bianca, wach auf«, sie rüttelte ihr Kind, wie sie kurz zuvor von Helene geweckt worden war. Mit einem Schrei kam Bianca zu sich, sah sich gehetzt um und klammerte sich dann an ihre Mutter, die ihr sanft über den Rücken strich.

»Was ist passiert, mein Liebling?«, fragte Maren sanft.

»Ich weiß nicht«, Biancas Stimme zitterte. »Es war wohl nur ein Traum.«

»Ein Traum, der kratzt und beißt?«, dachte Maren bei sich. Sie hatte noch etwas furchterregendes entdeckt. Auf dem Stroh des Lagers waren Blutflecken.

 

 

Maren ging mit Helene nach unten und schickte Ida zu Bianca hinauf. Die ersten medizinischen Universitäten lagen noch weit in der Zukunft und auch die Infarmarius, die sich Kranken in ihren Klöstern zuwendeten, gab es noch nicht. Krankheiten wurden als vorherbestimmt hingenommen, doch Ida hatte zumindest Kenntnisse von einigen heilenden Kräutern. Leonhard gegenüber sagten sie nur, Bianca wäre krank, dann setzte Maren sich auf die Bank. Helene setzte sich neben sie und legte ihre kalte Hand in die ihrer Mutter. Leonhard blieb bei der Leiter stehen und so warteten sie in bedrücktem Schweigen.

Maren versuchte das Wort aus ihrem Kopf zu verbannen, dass sich mit aller Macht in ihre Gedanken stehlen wollte: Besessenheit. Die Kratzspuren würden sich noch erklären lassen. Bei einem Albtraum wäre es möglich, dass Bianca sie sich selbst zugefügt hatte. Doch wie sollte sich das Mädchen selbst beißen? Maren hatte Abdrücke an ihrem Hals gesehen, den Oberschenkeln und Hüften. An einen menschlichen Eindringling glaubte sie auch nicht. Helene hatte direkt neben Bianca geschlafen und hätte diesen auf jeden Fall bemerkt. Und woher kam das Blut auf dem Stroh? War eine der Wunden tiefer, als es zunächst den Anschein hatte?

Als Ida zurückkam, ging sie zuerst mit ernstem Gesicht zu Helene. »Was hast du gesehen, Kind?«

»Als ich aufgewacht bin«, begann das Mädchen leise zu erzählen, »hat Bianca sich stöhnend auf dem Bett gewunden und ihren Schoß vor und zurück bewegt. Dann erstarrte sie plötzlich in der Bewegung, streckte die Arme aus und begann zu weinen. Sie reagierte nicht, als ich sie ansprach, da habe ich Mutter geholt.«

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Leonhard an seine Mutter gewandt.

»Sie hat ihre Jungfräulichkeit verloren«, antwortete Ida.

»Aber wie... sie... bist du dir sicher?«

Ida nickte und ging zu ihrem Sohn, um ihn in die Arme zu nehmen. »Sobald es hell wird, wirst du das Haus reinigen«, sagte sie dann.

»Weißt du, was da oben bei ihr war?«, fragte Leonhard, er wirkte wie betäubt. Ida schüttelte den Kopf.

»Egal was es war, nun müssen wir es so schnell wie möglich wieder loswerden. Und danach zu niemanden ein Wort«, Ida sah alle Anwesenden nacheinander an. »Niemand darf von heute Nacht erfahren, habt ihr verstanden?«

Alle bejahten. Wenn die Gemeinschaft von diesen Ereignissen erfuhr, würde man Bianca und vermutlich die ganze Familie davonjagen. Angst war stärker als Mitgefühl.

 

 

Am Morgen machte Ida eine Kräutermischung aus Weihrauch, Salbei, Loorbeer, Thymian, Wacholder und Kampfer. Leonhard gab Glut in ein steinernes Gefäß und legte die Kräuter dazu. Während die Familie auf dem Hof wartete, räucherte er erst sehr sorgfältig die Kammer der Mädchen, dann den Hauptraum und den Stall. Er ging auch den Hof sorgfältig ab, um diesen zu reinigen. Während dem Ritual begann Bianca zu schreien und zu jammern und wäre gestürzt, hätten Maren und Helene sie nicht festgehalten. Doch Leonhard ließ sich davon nicht beirren und umgab alles mit dem schützenden Rauch.

 

 

Bianca schlief ab jetzt in Marens Lager, während diese die Nächte bei Helene verbrachte. Bianca verließ das Lager auch tagsüber kaum, weinte viel und ließ sich durch nichts trösten. Ida glaubte, Biancas Verzweiflung kam von den schrecklichen Dingen, die sie in jener Nacht erleiden musste und war sich sicher, die Zeit würde diese Wunde schon heilen. Die Familie ließ Bianca zufrieden und nötigte sie nur, regelmäßig zu essen und zu trinken. Es gab keine seltsamen Vorkommnisse mehr und sie waren guter Hoffnung, diese hässliche Episode überstanden zu haben.

Dann war der Abend vom 31. Dezember. Die jungen Männer des Dorfes vermummten sich und zogen johlend und lärmend mit Fackeln durch das Tal. Der Lärm und das Licht sollte die Geister endgültig vertreiben. Es gab ein großes Freudenfeuer, zu dem jedes Mitglied der Gemeinschaft kam und etwas für ein großes Festmahl mitbrachte. Die Menschen hofften, dass dadurch auch im nächsten Jahr ihre Tische üppig gedeckt sein würden. Auch Biancas Familie wollte zu dem Fest, doch sie selbst hatte strenge Order, das Haus nicht zu verlassen. Zu groß war die Besorgnis vor weiteren Vorkommnissen, und zumindest das Haus schien nach der Reinigung sicher zu sein. Helene bot an, bei ihrer Schwester zu bleiben, doch diese bat sie, sich bei dem Fest zu amüsieren, denn sie hatte andere Pläne. Auch nach dem verwirrenden Traum hatte Bianca die tröstliche Anwesenheit ihres Begleiters gespürt. Trotz des plötzlichen Endes ihrer Zusammenkunft hatte er sie nicht verlassen. Sie hatte Kraft aus seiner Stärke gezogen, das hatte ihr geholfen, mit den Ereignissen zurechtzukommen, die sie nicht verstand. Doch bei der Reinigung durch ihren Vater war er verschwunden und seine Abwesenheit schmerzte mehr, als sie ertragen konnte. Mit jedem Tag hatte sie sich einsamer und elender gefühlt und ihr war klar geworden, wie sehr sie die Verbindung zu ihm und seinen unsichtbaren Schutz brauchte. Diese Nacht war vielleicht die letzte Möglichkeit, ihn wiederzufinden, und Bianca hatte vor, ihre Chance zu nutzen. Sie nahm ein Gefäß mit Salz an sich und verließ den elterlichen Hof.

Die Nacht war sternenklar und das Mondlicht tauchte die Welt in gespenstisches Licht. Biancas Ziel war die Stelle, an der der Weg vor ihrem Haus einen anderen kreuzte. Kreuzungen waren magische Orte, vor allem in diesen Nächten. Man sagte, unverheiratete Frauen könnten hier ihre zukünftigen Ehemänner vorbeigehen sehen und man könnte etwas über die Zukunft im nächsten Jahr erfahren. Bianca stellte sich in die Mitte der Kreuzung und streute einen Kreis aus Salz um sich. Kein übernatürliches Wesen konnte in diesen gelangen. Kaum hatte sie sich in den Kreis gesetzt, spürte sie seine Anwesenheit. Dunkle Stärke umgab sie, Feuer und Wacholderbeeren. Dann erschien der Schatten vor ihr.

»Guten Abend, Bianca«, sprach er sie an. Bianca hatte noch nie eine Stimme mit einer solchen Resonanz gehört. Sie schien nicht nur von ihm zu kommen, sondern von überall um sie herum und gleichzeitig in ihrem Kopf zu ertönen. Der Schatten kam näher, blieb aber Zentimeter vor dem Salz stehen.

»Was soll das, Frau?«, fragte er missbilligend. »Du bist hergekommen, um mich zu finden, warum versuchst du nun, mich auszusperren?«

»Wer bist du?«, fragte Bianca, statt zu antworten. Jetzt, wo er vor ihr stand, wusste sie nicht so recht, wie es weitergehen sollte.

»Ich bin dein Herr«, antwortete der Schatten. »Und die Zeit mir zu folgen, ist nun gekommen.«

Noch bevor sie seine Worte verarbeiten konnte, hörte sie die lauten Stimmen von Männern, die sich ihnen näherten. Der vermummte Fackelzug kam den Weg entlang und würde bald bei ihnen sein. Der Schatten streckte seine Hand nach ihr aus, doch auch sie blieb außerhalb des Kreises in der Luft.

»Es ist deine Entscheidung, Liebes. Aber du musst sie jetzt treffen.«

Doch die Entscheidung war längst getroffen. Wenn sie nicht mit ihm ging, würde er verschwinden und allein der Gedanke an die Einsamkeit, die sie dann empfinden würde, brachte sie fast zum weinen. Weder Gedanken an ihre Familie noch die Furcht vor der Zukunft hatten Platz neben dieser Verlustangst. Es gab nur den Weg zu ihm. Bianca stand auf, ergriff seine Hand und trat aus dem Kreis.

 

 

Bianca verschwand in dieser Nacht und wurde von keinem lebenden Menschen mehr gesehen. Über die Jahre wurde ihr Schicksal zu einem Märchen, einer Schauergeschichte, die man sich abends an der Feuerstelle erzählte. Das Land wurde nach und nach immer dichter besiedelt, die Menschen zogen in Städte und der Fortschritt nahm über die Jahrhunderte unaufhaltsam seinen Lauf. Wo es viele Lichter und eine hohe Bevölkerungsdichte gibt, halten sich übernatürliche Wesen fern. Die alten Schutzriten verloren an Bedeutung und gerieten irgendwann in Vergessenheit, ebenso wie Bianca. Wenn jemand heute einen Weihnachtsbaum aufstellt oder einen Silvesterböller hochjagt, denkt er sicher nicht an Dämonen und Geister. Doch sie sind der Ursprung, für unsere Traditionen. Und wer weiß, ob wir nicht den einen oder anderen Eindringling unbewusst damit vertreiben.

 

 

 

Kommentare von Leserinnen und Lesern

Schattenwölfin

Autorin. Teammitglied. Vereinsmitglied.

17.01.2016 um 10:39 Uhr

Hallo eileen!

Ich finde es immer gewagt, aus früheren Epochen zu erzählen. Das setzt saubere Recherche voraus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Raunächte vor der Christianisierung so dämonisch besetzt waren, in gar keinem Fall ausschließlich. Dazu waren das Wilde Heer / die Wilde Jagd viel zu eng mit Wotan, dem wohl vielschichtigsten unter den germanischen Göttern, verknüpft.

Ganz sicher bin ich mir, dass der Begriff Hexe deutlich jünger ist.

Trotz dieser Ungenauigkeiten, war ich gerne bereit, mich auf die Stimmung einzulassen, denn Deine Schilderungen haben schon ein lebendiges Bild entstehen lassen. Allerdings hat mich dann die Namenswahl wirklich geschockt und ich war raus: Ein Name italienischer und ein Name wohl griechischer Herkunft habe ich als so störend empfunden, dass ich nicht weiterlesen mochte. Schade.

Wölfin

Signatur

Wo Liebe ist, ist Lachen.

10.01.2016 um 16:15 Uhr

Eine wunderschöne Geschichte die einen den Hintergrund vieler Gebräuche in den Sinn zurück ruft, oder zum ersten Mal vermittelt. Du hast eine Begabung Atmosphäre zu erschaffen, sowie deine geneigten Leser mit bildhafter Erzählung zum Ort des Geschehens zu führen. Die Beschreibungen sind detailliert und bremsen dennoch die Spannung nicht aus. Dass die Erotik hier eher passiv passiert und hinter der düsteren Romantik steht gefällt mir sehr gut. 

Die Hintergrundinformationen, basieren sie nun auf Recherche oder Interesse, das sowieso besteht haben mir sehr imponiert. Vielen Dank für das Kopfkino .. und für das Happy End :) Hab immernoch Gänsehaut.

Signatur

Quoth the raven, "Nevermore". [E. A. Poe]

07.01.2016 um 21:43 Uhr

Liebe Eileen, deine Geschichte hat mir sehr sehr gut gefallen. Es war so leicht, sich die düstere Umgebung von damals vorzustellen. Auch die Verbindung mit den mystischen Raunächten und dem vielen Hintergrundwissen fand ich toll. Außerdem war die Geschichte sehr spannend, dass ich richtig mitgefiebert habe, was in den nächsten Zeilen wohl passiert. 

Tolle Geschichte! Danke dafür! :) 

01.01.2016 um 13:12 Uhr

Vor wenigen Tagen erst sprach ich mit einer guten Freundin über eben diesen Teil der Vergangenheit (welcher auch heute noch bei einigen Menschen durchaus Bestand hat) und deshalb viel mir also deine Geschichte gleich ins Auge. 

Und ich bereue nicht sie gelesen zu haben. Sie war wundervoll spannend erzählt und ich habe mich sehr gut in diese Zeit versetzt gefühlt. Außerdem regt sie dazu an, auch mal ein wenig über den Weihnachtlichen Tellerrand hinaus zu blicken und sich nicht nur von all der bunten Lichter-Glitzer-Welt täuschen und verleiten zu lassen.

Signatur

Urteile nicht über andere, ehe du nicht in deren Schuhen den gleichen Weg gegangen bist.

Schattenwölfin

Autorin. Teammitglied. Vereinsmitglied.

31.12.2015 um 13:52 Uhr

Quälgeist

warum schreibst du 'Wilde Jagd' so?

Auch wenn ich nicht angesprochen bin: Wie sollte man es sonst schreiben? Es ist doch ein festumschriebener Begriff.

Wölfin

(mit ihrer ganz eigenen Vorstellung der Wilden Jagd)

Signatur

Wo Liebe ist, ist Lachen.

eileen

Autorin.

31.12.2015 um 13:50 Uhr

Vielen Dank für eure lieben Bewertungen und Kommentare.  

@ Quälgeist

Ich habe die "Wilde Jagd" nach dem entsprechenden Rat meiner Freundin so geschrieben. Sie ist meistens die erste, die eine neue Geschichte zu lesen bekommt und meinte, ich soll es lieber als Eigenname so schreiben. 

Ich wünsche euch einen guten Rutsch und ganz viel Spaß beim reinfeiern. 

Signatur

Das Leben ist viel lustiger, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt.

Quälgeist

Autor.

31.12.2015 um 13:42 Uhr

Wunderbar! Wenn ich die Kritik von 'Söldner' lese, brauche ich nichts zu ergänzen. Nur: warum schreibst du 'Wilde Jagd' so?

Signatur

Pure Vernunft darf niemals siegen! Quälgeist

Söldner

Autor. Fördermitglied.

27.12.2015 um 14:01 Uhr

Hier durfte ich eine Mischung aus Sage und Märchen lesen, eine Wintergeschichte, ein Drama, eine Beschreibung des Lebens in früher Zeit, alles mit genau der Romantik überzogen, die so gut zu vorweihnachtlicher Stimmung passt. Dazu kommt der Kontext zum SM. Alles in allem hatte Deine Geschichte eine Vielzahl von Elementen, die sich nicht gegenseitig stören, sondern miteinander verschmelzen und eine Wintergeschichte erzählen. Zum Abschluss der Geschichte wird der Leser gefordert, sich Gedanken zu machen, das Ende ganz für sich zu werten. Dadurch besteht die Geschichte im Kopf des Lesers weiter, er nimmt sie mit.

Deine Geschichte würde sich qualitativ sehr gut in eine Anthologie von Wintergeschichten einfügen.

Kaoru

Autor.

27.12.2015 um 08:04 Uhr

Eine sehr schöne Geschichte, die uns in alte Zeiten und die Vergangenheit des Weihnachtsfestes entführt. Und in die Welt aus Sagen und Legenden, wo die Verbindung zwischen den Welten dünn ist.

Signatur

The sexiest thing a man can do to his woman - is crawl inside her mind and make her imagination run wild.

Nachtasou

Autor.

26.12.2015 um 14:50 Uhr

Ich schließe mich MeisterY gern an. Mit dieser Geschichte tauchst Du unser heutiges Weihnachten in den Farbeimer vergangener Zeiten, die ja so vergangen dann doch nicht sind, nur das Wissen darum. Danke Eileen, für diese Szenen, die so plastisch und mit Einfühlungsvermögen beschrieben sind. Schöner als im Geschichtsbuch.

Am eindrücklichsten fand ich das kärgliche Wohnen, den Rauch, die Kälte. Und die Wilde Jagd, von der ich zum ersten Mal hörte.

Signatur

Die Zunge hat keine Knochen

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