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Halten

Zwischen Burgern, Bühne und Schlafzimmerteppich lernt Jan seine erste Liebe näher kennen – und die Verantwortung, die man trägt, wenn man alle Verantwortung abgibt.

Eine BDSM-Geschichte von Eisvogel.

Bild: Schattenzeilen, Gemini Flash (2026)

 

Das Schild draußen tut so, als sei es immer wach. Drinnen summt die Fritteuse und die Edelstahlflächen sind ehrlich wie Spiegel: Sie verzeihen nichts und sehen trotzdem nicht weg. Ich binde meine Schürze, sortiere die Servietten und stelle die Trinkhalme so hin, dass sie sich nicht mehr fürchten müssen, zu kippen. Es beruhigt, was sich ordnen lässt.

Links beim weißen Tisch, den ich Möweninsel nenne, ein Pärchen, ineinander verhakt. Sie: rote Lippen, die zu viel wissen, und lange, schwarze Lederstiefel, die alles ohne ein Wort kommentieren. Er: Lederjacke, Hände unter ihrem Shirt, die Welt auf Flugmodus. Die beiden küssen sich, bis die Luft im Raum knapp wird. Ich sehe hin, ich sehe weg, ein Tanz aus Voyeurismus und Feigheit.

Mein Chef, Mitte vierzig, kaut auf einem Zahnstocher wie auf einer Meinung.

»Boah«, sagt er, »die kleben da schon seit zehn Minuten zusammen.«

Ich nicke und verstecke mich, aber er findet mich.

»Perfekte Gelegenheit«, grinst er, »um mal Verantwortung zu übernehmen.«

»Ich?«, frage ich zu harmlos.

»Sag ihnen, sie sollen sich zusammenreißen.«

Ich schüttle den Kopf. Nicht aus Prinzip, aus Unfähigkeit. Das Mädchen hebt just in dem Moment ihren rechten Stiefel an, eine kleine, glänzende Bewegung, die mehr sagt, als sie darf.

»Dann eben Yusuf«, stöhnt er und seufzt hörbar.

Yusuf wischt gerade ein Tablett sauber, langsam, gewissenhaft, wie ein Gebet.

»Was ich machen?«, fragt er, und der Chef zeigt auf die Ecke.

»Sagen, dass … na, eben nicht so aneinanderkleben.«

Yusuf sieht erst zu mir, dann zu ihnen, geht hin, höflich wie ein Regenschirm.

»Verzeihung«, beginnt er. »Leute essen hier. Vielleicht … weniger Porno, ja?«

Sie hebt den Kopf, verwirrt und amüsiert. Er grinst breit und äußert so was wie »Sorry, Officer«. Sie kichert. Yusuf nickt, entschuldigt sich nochmal und kommt zurück.

Mein Chef lacht. »War’n Versuch wert.«

Yusuf schaut zu mir, fragt nichts. Ich schwitze, obwohl ich nur geguckt habe. Später, die Glocke hat den letzten Gast ausgeatmet, gehen wir beide hinten raus. Der Hof riecht nach altem Fett und ehrlicher Luft. Ich lehne an der Wand und rauche, obwohl ich es mir fast abgewöhnt habe. Yusuf raucht mit, teilt das Schweigen in zwei verträgliche Hälften.

»Warum du nicht gegangen?«, fragt er ohne Anklage.

»Weiß nicht«, erwidere ich, und weiß es doch.

Er schnaubt. Ich grinse verlegen, schaue zu Boden.

»Vielleicht … fand ich sie süß.«

»Ah …«, lächelt er. »Du willst nicht böse sein zu schöne Frau.«

Er lässt eine kleine Pause fallen, gerade lang genug, damit sie nicht wehtut.

»Oder du magst Stiefel.«

Ich brauche eine Sekunde zu lang, um zu lachen. »Quatsch!«

»Kein Problem, Bruder«, winkt er ab und zieht an seiner Zigarette. »Jeder hat seine Sachen.«

Wir rauchen nebeneinander, unsere Bewegungen scheinen eingeübt. Irgendwann sagt er ganz weich: »Aber hingehen musst du trotzdem mal.«

»Vielleicht wann anders«, antworte ich, und es klingt wie ein Versprechen, das weiß, dass es warten darf.

 

Meistens wache ich fünf Minuten vor dem Wecker auf. In der Küche ist es kühl, die Tassen stehen wie braves Porzellan und der Tee dampft so, dass man die Hände drüberhalten kann, ohne tapfer zu sein. Meine Mutter summt, kein Lied, eher eine vorwurfsfreie Erinnerung daran, dass Menschen schon schlimmere Morgen überlebt haben. Wir teilen uns den Zucker. Ich nehme weniger, damit sie den Eindruck hat, ich sei ein guter Mensch. Das ist unser Familiensozialismus.

Der Bus riecht nach nassen Jacken und den Plänen anderer Leute. Wenn ich Glück habe, sitze ich am Fenster; es fällt mir leichter, Dinge auszuhalten, wenn ich an ihnen vorbeifahre. An der Schule steige ich aus und bin sofort in diesem Geruch aus Kreide und Heizkörpern, der sich den Frühling schönredet. Im Treppenhaus ein großes Plakat: »Die schöne Helena«. Ein Pfeil zeigt in Richtung Aula.

In meinen Kursen sitze ich in der zweiten Reihe. Der Platz ist für Leute reserviert, die nicht stören, aber auch nicht verschwinden wollen. Ich schreibe das Datum schön. Ein sauberer Anfang ist die halbe Rettung, habe ich mir gemerkt.

Frau Dreyer kommt mit ihrer Kaffeetasse herein.

»Guten Morgen«, begrüßt sie uns, und sie meint es auch. Ich habe sie gern, weil sie Wörter in die richtige Richtung schiebt, ohne sie zu zerdrücken.

Vicky kommt spät, aber nicht unverschämt spät. Nur so, dass man gern hinschaut. Sie hat eine dieser Jacken, die an anderen Leuten Mode sind und an ihr einfach selbstverständlich aussehen. Neunzehn, sitzengeblieben, es wirkt bei ihr wie ein Bonusjahr. Sie ist nicht gut in Dingen, für die man Hefte kauft, aber perfekt in Raum, in Stimmung, im richtigen Lachen. Wenn sie »Hi« sagt, haben Leute das Gefühl, sie hätten bestanden. Keine Ahnung, wie ich über sie sprechen kann, ohne kitschig zu werden. Kommt sie in die Klasse, wird es heller, ohne dass jemand das Licht anmacht. Natürlich verehre ich sie. Man verehrt ja auch Sonnentage im Februar, ein bisschen misstrauisch, aber dankbar. Gesprochen habe ich aber noch nie mit ihr, nicht richtig jedenfalls. Einmal habe ich ihr zugemurmelt, sie habe ihren Stift fallen gelassen. »Behalt ihn«, hat sie mir geantwortet, ohne mich anzuschauen. Der Stift liegt jetzt auf meinem Schreibtisch; manchmal streichle ich ihn, bevor ich ins Bett gehe. Sie lacht so mitreißend, dann schlägt mein Herz wie ein Presslufthammer. Ich träume davon, sie schaut zu mir, nicht, weil sie was will, sondern weil ich ich bin, und ich grüße sie mit normaler Stimme. In meinen Träumen gelingt es mir.

Vor zwei Wochen hat sie mich wirklich kurz bemerkt. Ich ließ im Flur die Mappe fallen, meine Papiere rutschten wie Fische über den Boden, ich kniete mich hin, um sie einzusammeln. Ihre Schuhe waren in meinem Blickfeld, weiß, sauber genug, um Spiegel zu spielen. Sie kommentierte die Szene nicht. Aber als ich hochlinste, zog sie eine Braue hoch. Jemand reichte mir ein paar Blätter, ich bedankte mich und stand auf. In mir brannte und fror es gleichzeitig. Es war kein schöner Moment. Aber er war von ihr ausgeleuchtet.

»Innerer Monolog«, sagt Frau Dreyer und hebt die Tafelkreide wie eine Posaune. Ich bin natürlich vorbereitet. Ich bereite immer alles vor. Ich hebe die Hand genau so, dass es auffällt. Mein erster Satz funktioniert, der zweite verliert auf halber Strecke die Schuhe, der dritte findet sie wieder. Und dann kommt es, wie es kommen muss: Vicky dreht sich halb zur Klasse, halb zu mir. »Ich hör’ nix«, ruft sie und hält die Hand ans Ohr. Sie ist eine geborene Schauspielerin, aber manchmal übertreibt sie. »Gibt's Untertitel?«

Ein paar kichern, wie immer, wenn sie einen Witz macht. Ist nicht böse gemeint, es ist das Geräusch derer, die sich für die richtige Seite entschieden haben. Ich sehe Vickys Nägel, in einem Rot lackiert, das man nur mit sehr glatten Gesten tragen kann, räuspere mich, mache die Stimme größer und schaffe es bis zum dritten Wort, bevor sie in ihre alte Größe zurückrutscht.

»Laaauter, Jan«, rügt Vicky, jetzt mit dem singenden Ton, in dem man mit kleinen Kindern spricht. »Wir sind hier nicht beim Geheimdienst.«

Frau Dreyer hebt die Hand, beruhigend, aber nicht streng.

»Ruhe bitte. Jan, einfach weiter.«

Das mache ich. Insgesamt bin ich mit meinen Ausführungen fast zufrieden. Sie klangen nicht wie auswendig gelernt, sondern wie verstanden. Vicky hat sich schon längst wieder weggedreht, eine Haarsträhne hinters Ohr gestreichelt. Frau Dreyer nickt wohlwollend. Mein Kopf sagt: Gut gemacht. Mein Herz sagt: Noch nicht.

Gespannt darauf, wie es weitergeht?

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Kommentare von Leserinnen und Lesern

Eisvogel

Autor. Förderer.

15.01.2026 um 19:28 Uhr

Lieber #Meister Y,

 

vielen lieben Dank für Deine Worte. Macht mich stolz, dass ich mit der Geschichte Menschen erreichen - und Vicky ein kleines Denkmal setzen konnte (auch wenn es sie so nicht gibt, existieren doch genügend Leute, die ich über alle Maßen bewundere; von daher weiß ich genau, wie es sich anfühlt, jemanden aus der Ferne zu verehren, und es freut mich, wenn ich das Gefühl rüberbringen konnte). (-: 

 

Lieber #Herzenswunsch,

 

ganz vielen lieben Dank auch Dir, Dein Urteil hat mich wirklich glücklich gemacht. (-: Ich glaube allerdings, Jan braucht kein Mitleid, er ist mit der Situation, wie sie ist, ganz zufrieden. (-:

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Herzenswunsch

Förderer.

15.01.2026 um 14:14 Uhr

Lieber Eisvogel,

 

danke für diese wunderbar geschriebene Geschichte. Beim Lesen habe förmlich den Geruch meiner alten Schule in der Nase gehabt, mich an meine letzten Jahre in der Schule erinnert, mich oft wiedergefunden.

 

Die Art und die Leichtigkeit wie du mit den Worten spielst hat mir sehr gefallen.

 

Ich habe deine Geschichte gerne gelesen, finde sie geht ganz emotional schön tief und man kann mit dem armen Jan ganz gut mitfühlen.

 

Gerne mehr davon!

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Meister Y

Autor. Förderer.

15.01.2026 um 07:18 Uhr

geändert: 15.01.2026 um 09:58 Uhr

Guten Morgen Eisvogel

wow, was für ein Text. Ehrlich gesagt habe ich am Schluss hochgeschaut und gedacht: "Wie, schon vorbei?". Da hat jedes Wort gepasst, hat es tiefe Einblicke gegeben. Da waren tiefe wie verlorene Gedanken, Wunschträume, Realität, eingebettet in Alltag, toll, wirklich toll!

Fasziniert hat mich vor allem die stille, kaum sichtbare und dennoch präsente Erotik, die Ausstrahlung von Vicky, die Deinen Protagonisten anzieht wie ein Magnet, ich bin tatsächlich begeistert.

Danke für feine Unterhaltung, die ich sicher noch öfter lesen werde.

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Eisvogel

Autor. Förderer.

14.01.2026 um 19:25 Uhr

Lieber Charlie,

danke für Deine Kritik. Der Held ist Schüler und arbeitet außerdem im Restaurant. Am Anfang sollte er im außerschulischen Kontext charakterisiert werden.

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14.01.2026 um 17:24 Uhr

geändert: 14.01.2026 um 17:57 Uhr

Ist das der 2. Teil? Ich hab das Gefühl mir fällt irgendwie der Anfang der Geschichte. Wer sind diese ganzen Personen?

Die Geschichte selber fand ich sehr schön vor allem das Spiel mit den Wörtern :)

 (Auch wenn ich an der Stelle f" , Ableitung der Steigung (Krümmung) : Hügel/ Täler bzw. Picknick vs. Sturzhelm schon raus war, aber darum geht es in der Geschichte ja eigentlich auch nicht)

Was mich viel mehr irritiert hat, war warum er zeitweise Schüler ist und in einem Cafe arbeitet? Sollte das die Zukunft darstellen?

Bin leicht verwirrt. 

Aber ich fand schön, dass ihm Vicky gewissermaßen seinen Wunsch erfüllt hat.

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Eisvogel

Autor. Förderer.

12.01.2026 um 17:42 Uhr

Liebe Rote Blume,

vielen Dank für Dein freundliches Urteil! (-:

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11.01.2026 um 22:41 Uhr

Lieber Eisvogel,

ich mag Deine Sprache, und Erzählweise und die Art und Weise wie Du Deine Hauptfigur und ihre Entwicklung skizzierst finde ich absolut überzeugend.

Danke für diese Geschichte!

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Eisvogel

Autor. Förderer.

11.01.2026 um 18:26 Uhr

Lieber #Nicolo Vigano,

danke für Deine Kritik. Dass Du sie schreibst, finde ich sehr nett - wenn mir bei anderen Storys Leute kommentarlos weniger Sterne geben, habe ich das immer vor allem deshalb schade gefunden, weil ich gar nicht wusste, was ich in ihren Augen falsch gemacht hatte.

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Eisvogel

Autor. Förderer.

11.01.2026 um 18:13 Uhr

Lieber #Master G,

 

vielen lieben Dank für Dein sehr freundliches Urteil. Ich bin mir darüber im Klaren, dass wir beide ganz unterschiedliche Sichtweisen auf Beziehungen haben, die wir als perfekt beurteilen (wenngleich, stelle ich mir vor, bei uns beiden doch auch gegenseitiger Respekt wichtig ist...), aus diesem Grund finde ich es besonders nett, dass Du die Größe hast, etwas anerkennend zu kommentieren, was eigentlich nicht auf Deiner Wellenlänge liegt. 

 

Ich habe ohnehin festgestellt, dass hier auf den Schattenzeilen eigentlich durchgängig ein verständnisvoller, sehr behütender Ton vorherrscht, selbst wenn die eigene Traumphantasie in einer Geschichte nicht getroffen wurde, was es einem sehr einfach macht, sich anderen gegenüber zu öffnen, so weit man eben kann (ich gebe zu, dass ich damit zugegebenermaßen größte Schwierigkeiten habe) – und das finde ich durch Deine Kritik mal wieder bestätigt; es ist jetzt nur ein Beispiel dafür, warum ich so gerne hier auf dieser Seite lese.

 

Lieber #sklave thorsten,

 

auch Dir natürlich ganz vielen lieben Dank! Ich bewundere ganz ehrlich, wie rege Du alles liest und kommentierst – wirklich Wahnsinn! (-: 

 

Die Geschichte wird, schätze ich, keine Fortsetzung haben. Ich habe immer ein wenig Angst, eine Fortsetzung zu lesen, weil man, wenn man den ersten Teil mochte, natürlich Gefahr läuft, durch einen zweiten Teil alles in Frage zu stellen oder jedenfalls nur noch mit dem Wissen im Hinterkopf lesen zu können, dass es irgendwie ja doch anders weitergeht, als man es sich vorgestellt hat. Mag zwar albern sein, wenn man z.B. an Harry Potter oder Der Pate denkt, wo das Publikum sehr dankbar war, die weitere Story zu lesen, aber ist offenbar keineswegs unangebracht, wenn man z.B. an das Ende von Game of Thrones oder den letzten Hercule-Poirot-Krimi denkt, die ja schon jeweils einen sehr schalen Nachgeschmack hinterlassen. 

 

Liebe #Leo Me,

 

bei Deinem Kommentar bin ich um ca. 10 cm gewachsen. Ganz vielen lieben Dank! Es freut mich wirklich unheimlich, dass jemand, der so feinfühlig auf andere eingehen kann (wie Du immer wieder bewiesen hast, nicht zuletzt durch Deine tollen Geschichten), meine Geschichte mag. Das macht mich echt glücklich! (((-: 

 

Lieber #Cid,

 

vielen Dank für Deine sehr freundlichen Worte, die mich sehr gefreut haben.

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11.01.2026 um 18:12 Uhr

Die Geschichte ist zweifellos gut geschrieben. Für mich ist sie aber etwas zu langatmig ausgefallen.

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