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Schattenzeilen

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Forum - BDSMler unter sich - Ledersofa

Unnötige Worte

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Nachtasou

Autor.

10.01.2019 um 22:54 Uhr

Schattenwölfin

Ich habe mittlerweile Geschichten gelesen, aus denen mir die Schreibseminare dieser Welt geradezu entgegenspringen. Das ist für mich – vor allem bei längeren Texten – mittlerweile sehr ermüdend.

Endlich spricht´s mal jemand aus. Danke, Schattenwölfin.

Das ist nicht nur ermüdend, sondern ist wie Malen nach Zahlen.

Da ich es nicht besser kann, muss ich mich leider mit dem Unken zurückhalten. Aber ...

Besonders das mechanisch-gequälte "show, don´t tell" führt dazu, dass Erzähl- durch Filmtradition ersetzt wird. Schnell muss es gehen. Auch in der Sprache, weil die Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr reicht, "unnötige" Worte zu erfassen. Was sollen überhaupt unnötige Worte sein?

In der Barock-Literatur konnten selbst Überschriften mehrere Zeilen lang sein. Und vor 100 Jahren erfreuten sich Leser daran, 14 Seiten lang eine Landschaft beschrieben zu bekommen. Wie bei Spielberg muss ein Wendepunkt den nächsten nächsten jagen.  Dan Brown und Schätzing schreiben ihre Romane schon gleich in Drehbuch-Manier, fast nur noch Handlung und Dialog.

Ich sag´s mal so:

Wer im Zusammenhang mit Worten die Vokabel "unnötig" benutzt, sollte sich Klopapierrollen ins Regal stellen.

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Schattenwölfin

Autorin. Lektorin.

11.01.2019 um 06:28 Uhr

Nachtasou

Endlich spricht´s mal jemand aus. Danke, Schattenwölfin.

Das ist nicht nur ermüdend, sondern ist wie Malen nach Zahlen.

Gern geschehen, der Vergleich mit dem Malen gefällt mir auch gut.

Ich habe das Thema gestern beim Abendessen mit meinem Liebsten besprochen, der zahlreiche Originaltexte aus vergangenen Jahrhunderten liest. Nicht auszudenken, man würde die Sätze daraus der Papyrus-Lesbarkeitsprüfung unterziehen. Alarmstufe rot!

Morgengrüße

Wölfin

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Mai

Autorin.

11.01.2019 um 08:49 Uhr

Kann ich an der Stelle einen externen Link zu einem anderen Forum einstelle, um anhand eines eigenen Textes meinen Standpunkt hierzu zu erklären?

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Nachtasou

Autor.

11.01.2019 um 17:38 Uhr

geändert am 11.01.2019 um 17:38 Uhr

Beste Wölfin,

Wer keinen eigenen Stil entwickelt hat, macht sich mit Stilberatern wie Papyrus den Text noch kaputter als er eh schon ist.

Wenn ein Schreiber kein treffendes Substantiv finden kann oder will, braucht er eine handvoll Adjektive, um das zu kaschieren. Das sind dann aber nicht unnötige Worte, sondern schlechter Stil. Papyrus markiert praktisch alle Adjektive. Es hat keine eingebaute Intelligenz, und schon gar keinen Stilisten. Behauptet das auch gar nicht. Es stößt nur auf mögliche Fehlstellen. Ob es eine solche ist oder nicht, musst Du dann selbst entscheiden. Und zwar entsprechend DEINER Erzählstimme.

Präzision und Prägnanz sind ein Schönheitsmerkmal. Wie in der Mathematik oder sonstwo sind Umständlichkeiten „unschön“. Aber daraus umgekehrt zu schlussfolgern, dass Kürze und Knappheit an sich anzustreben sind, ist ein Fehlschluss. Und der verbreitet sich immer mehr.

Ich lese lieber längere Texte, weil so schön viel Worte drin sind *g.

Ich sage ja auch nicht: Die Musik dauert mir zu lang. Oder je kleiner die Leinwand, desto besser das Bild. 

Wenn man Thomas Mann, Kafka, alle Romantiker, ganze Epochen heutigen Schreibkriterien ausliefern würde, würden die Buchbestände auf einen Bruchteil schrumpfen. Was für ein Verlust. Und von „zuviel Noten“ hab ich noch nie gehört (außer über Wagner *g).

Wer mal eine Kafka-Verfilmung gesehen hat, merkt, dass man die Kriterien nicht von einem Medium auf das andere übertragen kann. Und heute dominieren die Filmkriterien: Leider auch beim Schreiben: Parallele Handlungsstränge, Szenen (wegen der Suspension und Werbeblöcke und Ungeduld …), Überraschungseffekte.

Ich sag ja nur, dass ich die Retorten-Show nicht mehr hören mag, Quickies auch nicht. Vielleicht sind es ja nur Geschmacksfragen. Oder Temperamentsfragen.

So. Und nun habe ich fertig.

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Söldner

Autor. Lektor. Förderer.

12.01.2019 um 07:36 Uhr

Mit einem neuen Auto werde ich kein besserer Fahrer.

Dennoch schätze ich Papyrus als Werkzeug. Ich habe es gekauft, ich lege die Nutzung fest, ich bestimme. Das Werkzeug dient. Weist es mich auf Amtsdeutsch hin, nehme ich den Hinweis oft an. Papyrus schlägt vor, ich entscheide.

Unnötige Worte vermeide ich in beruflichen Mails, dort halten sie auf, lenken ab. Bei Belletristik kenne ich keine unnützen Worte. Ein Text muss fließen, das ist alles. 

Schreibschulen und Schreibseminare sind sicher hilfreich für viele Menschen, die gern besser schreiben möchten. Doch wenn ich die Anbieter im Internet recherchiere, finde ich meist nicht mal einen kleinen Band Kurzgeschichten von ihnen.

Mai: Wo ist Dein Link? 

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Mai

Autorin.

13.01.2019 um 12:34 Uhr

Wenn ein Schreiber kein treffendes Substantiv finden kann oder will, braucht er eine handvoll Adjektive, um das zu kaschieren. Das sind dann aber nicht unnötige Worte, sondern schlechter Stil.

Darum geht es doch im Grunde.  Bestimmte Schreibregeln haben mir schon geholten, meine Art zu schreibe zu hinterfragen, und ja, auch zu verbessern. Und verbessern heißt oft auch zu vereinfachen. Man erkennt Schreibanfänger meist an einem barocken Stil und komplizierten Satzbau. War bei mir auch so. Ich dachte, um so komplizierter ich mich ausdrücke, um so toller wirkt es. Und dann hab ich ganz arg viel erklärt. Bis man eben mal mit bestimmten Schreibregeln konfrontiert wird. Dann beginnt man seine Art Buchstaben aneinander zu reihen zu hinterfragen. Hört auf, als Autorenmama den Leser autoritär an die Hand zu nehmen und den Erklärbär zu spielen.

Handlungen, die etwas ausdrücken, sind viel schwerer zu schreiben, als innere Monologe der Protagonisten. Aber die Geschichten werden dann eben auch lebendiger. Finde ich zumindest.

Und das muss dann auch nicht so wirken, wie doch die Schreibseminar-Mangel gedreht.

Ich hab hier mal ein Beispiel einer eigenen Geschichte, bei der ich das Gefühl habe, dies sein mir einigermaßen geglückt:

Ehre

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Jona Mondlicht

Autor. Lektor. Teammitglied. Förderer.

13.01.2019 um 13:14 Uhr

Ich halte von der Verbannung der Adjektive wenig. Ich denke auch nicht, dass Adjektive auf eine mangelnde Fähigkeit des Autors schließen lassen, die richtigen Substantive zu finden. Und als schlechten Stil empfinde ich den Gebrauch von Adjektiven ebenso nicht. Es kommt - wie bei anderen Stilfragen auch - auf das Maß der Verwendung an.

Der von Nachtasou herbeigezogene Vergleich zum Film / Drehbuch gefällt mir. Derzeit liegen Bücher im Trend (oder mindestens in fragwürdig erstellten Bestsellerlisten ganz oben), in denen es hastig und mit vielen Wechseln zugeht. In denen der Leser durch die Kapitel gejagt wird. Trends sagen aber nichts über guten und schlechten Stil aus. Es geht um Verkaufszahlen.

Man muss daher nicht den eigenen Stil brechen oder mehr Adjektive streichen, als es dem Text gut tut, nur weil es derzeit "in" oder erfolgreich ist, zu verknappen. Bücher mit langsamer Handlung und eindrucksvoll beschriebenen Szenerien gefallen mir nicht weniger. Auch in ihnen ist kein Satz, kein Wort "unnötig".

Viele Grüße

Jona

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Nachtasou

Autor.

14.01.2019 um 02:19 Uhr

Beste Mai,

danke für Deinen externen Beitrag. Dein Stück ist Literatur. Ich erkenne nicht nur Handwerk, sondern auch Deinen Sinn für Themen. Mich hast Du mit diesem Text gepackt.

Es ist ein kurzer Text. Und Du wolltest damit etwas illustrieren. Deinem Posting stimme ich in weiten Teilen zu. Ein gutes Beispiel. Aber auch ein gutes Beispiel für verschenkte Ressourcen. Du behauptest, dass Geschichten, die sich über Handlungen ausdrücken, lebendiger wirken. Das sei tatsächlich schwieriger als z.B. der ´erklärende innere Monolog´. Die inneren Monologe, die in Deinem Text ausgeführt sind, hast Du jedoch nicht ausgearbeitet. Und mir fehlen sie. Die Erzählperspektive hätte das locker zugelassen. Aber Du entscheidest Dich für den neutralen Beobachter (im allzu wörtlichen Sinn).

Ich will mal begründen, was mir fehlt.

Von Ehrenmorden weiß ich. Zum Verstehen fehlt mir der kulturelle Hintergrund. Das ist ein seelisch spannendes Thema. Überaus spannend. Die Geschichte forciert sogar die inneren Konflikte. Halils sexuelle Ausrichtung und die Zwillingsgeschwisterschaft mit Aygül spitzen das zu. Was für ein Brennglas! Und dann noch die religiös-konservative Großfamilie, der äußere Druck.

Der Schnellkochtopf enthält alle Zugaben für eine leckere Suppe.

Ich bin am Ende genauso dumm wie vorher. Nein, mir ist nicht nach Pädagogik und Erklärbären. Aber WARUM, verdammt noch mal, lässt sich ein Individuum hinreißen oder nicht hinreißen, seine Schwester umzubringen. WAS IST das mit der Ehre.

Du arbeitest in Deinem Text auf eine "Pointe" hin. Halil löst seinen KIonflikt. Zumindest an diesem Abend. Aber WAS geht in seinem Kopf herum. Ich möchte ihn fragen, so lebendig hast Du ihn gestaltet. Er denkt aber nichts im Text. Aus den Handlungen kann ich nachvollziehen, DASS er kneift, aber ich bin kein Stückchen weiter in meiner Ahnungslosigkeit, was in diesem arabischen oder türkischen jungen Mann hin- und hergewälzt wird. Ein Individuum entscheidet so oder anders, das erfahre ich. Ehre ist doch mehr als sozialer Druck von außen. Was fühlt er? Er kotzt. Aus dieser Handlung kann ich schließen, dass er innere Qualen hat, aber welche. In welchen Worten denkt er Ehre?

Die Geschichte ist rund, in der Kürze ist sie rund, Mai. Als (kurzer) Roman wäre sie für mich absolut empfehlenswert und ich würde sie verschlingen vor Neugier. Die Figuren bekämen mit inneren Monologen oder Erklärungen (Beschreibungen des inneren Geschehens, denn Denken ist auch Handeln) viel mehr Individualität. Dann würde aus einem jungen Türken, der Halil heißt, eine Einmaligkeit und bliebe nicht eine kulturelle Unbekannte. Und dann könntest Du als Autorin, wenn Du wolltest, mir sogar für einen Ehrenmord Verständnis abringen. Oder das Gegenteil. Wie du willst.

Kurz: Alles, was nicht zu filmen ist, wird verbannt. Auch Innere Monologe oder deren Beschreibungen. Diese inneren Handlungen stiften Verstehen. Und sind alles andere als leicht zu bewerkstelligen.

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