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Sprachverfall

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Jona Mondlicht

Autor. Teammitglied. Vereinsmitglied.

26.01.2019 um 13:29 Uhr

Ihr Lieben,

geschieht es Euch auch, dass Ihr mitunter über fehlerhafte Sätze genauso erschrocken seid wie über die Gleichgültigkeit, mit der sie hingenommen werden? Die deutsche Sprache verliert im Alltagsgebrauch mehr und mehr Feinheiten, Endungen werden nicht mehr gesprochen, einfache Verben fluten die Sätze. Grammatikfehler sind kein Ärgernis mehr.

Es geschieht im Stillen eine radikale Vereinfachung der Sprache, zu der leider auch verantwortungsvoll agierende Medien beitragen. Grundsätzlich bin ich kein Feind von Vereinfachung - aber betrifft es unser Sprachgut, einen besonders wichtigen Teil unserer Kultur, macht mich das fassungslos. Damit dürfen wir nicht so leichtfertig und unbekümmert umgehen.

Die "Zeit" hat einen treffenden Artikel dazu geschrieben, auf den ich hier verweisen möchte: 

Die deutsche Sprache

Nicht nur der Genitiv stirbt: Die Deutschen sprechen immer schlechter Deutsch. Sie vereinfachen gnadenlos und pfeifen auf korrekten Satzbau.

Zum Artikel.

Wie denkt Ihr? Fällt Euch das auch auf? Stört es Euch? Oder empfindet Ihr es als eine unvermeidliche Sprachfortentwicklung, wie sie seit Jahrhunderten immer geschehen ist?

Viele Grüße

Jona

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Kaoru

Autor.

26.01.2019 um 14:42 Uhr

Also ich bin auch kein Fan von der totalen Vereinfachung bzw. dem, was heutzutage mitunter als Sprache durchgeht. Wenn ich so etwas höre dreht es mir gelegentlich den Magen um und lesen möchte ich das lieber gar nicht erst. Die Sache ist nur die, dass eigentlich keine einheitlich deutsche Sprache gibt.

Ja es gibt das Hochdeutsch, die Beamtensprache, aber wer von uns benutzt die im Alltag wirklich? Ich glaube der Letzte, den ich kannte, war mein Deutschlehrer, der uns damit eingedeckt hat. Aber sobald ein Kollege was von ihm wollte hat er auf Alltagsdialekt umgeschaltet. Von nur einer Sprache zu sprechen ist daher genauso ignorant, wie den Umstand zu ignorieren, dass unsere Sprache dauerhaft beeinflusst und verändert wird. Nehmen wir allein die Anglizismen bzw. Pseudoanglizismen, die unsere Sprache bevölkern. Und wenn ein Bayer oder Vorarlberger mit mir spricht, wünsche ich mir auch manchmal ein Wörterbuch.

Das allerdings mehr zur gesprochenen Sprache, denn der gegenüber steht die Schriftsprache. Die zu gebrauchen, manchmal auch missbrauchen, steht jedem Autor ja frei. Grammatikfehler schleichen sich dabei ebenso gerne ein wie regionale Ausdrücke. Hier bin ich genauso schockiert, wenn jemand es nicht versteht daraus seinen Nutzen zu ziehen oder die wehrlosen Worte auf eine solch schmerzhafte Art quält, dass selbst einem Sadisten übel wird. Darüber hinaus lerne ich gezwungenermaßen gerne dazu, wenn ich selbst einem Fehler aufgesessen bin.

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Nachtasou

Autor.

26.01.2019 um 22:13 Uhr

Konkrete Beispiele wären hilfreich, sonst läuft es auf diese beiden Positionen hinaus: Die einen beklagen Kulturzerfall (das betrifft nicht allein Sprache, sondern setzt regelmäßig bei „der Jugend“ an). Die gegenteilige Position sieht in Veränderung, wertfrei oder auch nicht, ein unumstößliches Naturgesetz.

Bei Sprache wird es ernst.

Sie ist eines der Denkwerkzeuge. Sie ist mehr als was meine Hand zu Papier bringt oder aus meinem Mund an Worten quillt. Schon vor dem Sprechen bestimmt sie mit, was ich überhaupt wahrnehmen kann und wie ich das im Kopf verarbeite. Sie liefert die Bausteine eines Weltbildes.

Vom Genitiv-Tod geht die Welt nicht unter, weil sich Besitzverhältnisse sprachlich verschieden zum Ausdruck bringen lassen. Aber  ein „Sprachzerfall“, nach dem am Ende nur noch ein Holzschnitt eines ehemals bunten Teppichs übrig bliebe, hätte weitreichende Folgen.

Ich nenne ein Beispiel: Alexithymie. Das ist Gefühlsanalphabetismus. Den gibt es tatsächlich. Wer nur „gute“ von „schlechten“ Gefühlen unterscheiden kann, wird in der Selbstwahrnehmung und auch im Verstehen anderer Menschen hilflos sein. Eine Behinderung ist das.

Solche Verstümmelung findet sich bei Einzelnen, noch nicht als gesamtgesellschaftliche Spracherscheinung.

Nach meinem Erleben bis vor Kurzem ist die Ausbildung von Lehrern in D hochstehend. Die Ergebnisse können sich in der oft gescholtenen Jugend sehen lassen. Das gilt aber nicht für alle.

Dort könnte auch ein Ansatz liegen für Sprachpflege: gerechter Zugang zu Bildungsmöglichkeiten. Der Zugang steht offen, jedoch nicht die Unterstützung durch Bildungswege hindurch. Aber selbst das ist vor Ort besser als es jemals war (außer vielleicht in der ehem. DDR bis zum mittleren Abschluss, danach war von offenem Zugang nicht mehr die Rede).

Das Erlernen „toter Sprache“ schadet nicht (außer währenddessen *g). Desto bunter, liebenswerter und verständlicher ist einem dann die Muttersprache. Dass dort Teile absterben, gehört dazu. Andere Sprossen treiben dafür aus.

Vorsicht ist geboten, wenn Sprachpflege zu Sprachnationalismus führt. Das Deutsche ähnelt historisch mehr einem Pressschinken als „sauber“ am Stück gewachsen. Die Anglizismen wachsen ein und werden verdaut, wenn sie nützlich sind. Letztlich ist es nicht die Schönheit, sondern die Zweckdienlichkeit, die das Wachstumshormon von Sprachen ist.

Der Luxus einer Binnen-Kunstsprache, neben anderen Varianten parallel, ist kein Maßstab. Diese seit Jahrzehnten geführte Genitiv-Auseinandersetzung bin ich über. Nichts hört sich schlimmer an als ein doppelter Genitiv *g. Doch, ein dreifacher im Beamtendeutsch. Was ich bedaure ist der schludrige Umgang mit Konjunktiven. Die zu beherrschen in verschiedenen Zeitformen ist im Deutschen nur noch Brauchtumspflege für Liebhaber, die niemand mehr lieb hat. Und so kompliziert, dass man dazu Kurse besuchen müsste. Einerseits schade, andererseits eine mögliche Erleichterung. Zeichensetzung ist mir auch immer noch ein Graus, obwohl die Regeln angeblich einfach sind. Da war die letzte Reform ein Segen.

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Söldner

Autor. Fördermitglied.

27.01.2019 um 14:03 Uhr

Sprache entwickelt sich. Die Diskussion am konkreten Beispiel wie von Nachtasou: vorgeschlagen hilft, allgemeine Philosophie zu vermeiden.

Ich kann jeden Tag Vereinfachung oder Radikalisierung beklagen. Aber muss ich daran teilnehmen? 

Sprache ist Spiegel der Gesellschaft. Sprache ist eine enorme Kraft, ein milder Tröster, eine furchtbare Waffe.

Wer wissen möchte, wie Sprache funktioniert, dem empfehle ich die Tagebücher von Victor Klemperer. Der Name des Buches ist „LTI“, beschäftigt sich mit der Sprache des Dritten Reiches. 

Gefährlich ist nicht der tumbe Pöbler, der mit dem Mittel des Wortes ausgrenzt, diffamiert und provoziert. Sprache wird in dem Moment gefährlich, wenn sie manipulativ genutzt wird.

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kitty

Autorin. Vereinsmitglied.

23.02.2019 um 18:26 Uhr

Sprachvereinfachung geschieht immer und jederzeit. Auch wir haben uns doch sehr weit von den geschraubten Formulierungen entfernt, die zu Goethes und Schillers Zeiten völlig normal waren (zumindest in deren Gesellschaftskreisen). Eigentlich ist das gut so, denn Sprache lebt und entwickelt sich wie die Menschen und die Gesellschaft selbst. Was mir persönlich missfällt, ist dass die Abkürzungs-, Twitter- und Smiley- pardon Emoji-Konversationen vom Smartphone auf das gesprochene Wort übertragen werden. Ganze Sätze werden immer mehr Mangelware. Schade. Einen gepflegten Amtsbrief oder gar einen Gesetzestext zu lesen, überfordert heutzutage viele. Bald werden wir Behördenschreiben in Piktogrammen erhalten. Das kann dann ja auch unterhaltsam sein.

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13.03.2019 um 13:45 Uhr

Alles ist in Veränderung, auch die Sprache. So ist es eben. 

Allerdings muss man da unterscheiden, denke ich.

Einerseits, dass sich eben die Sprache ändert, wie Kitty schon sagte. 

Andererseits aber die Faulheit/Bequemlichkeit/das Unvermögen, korrekt zu sprechen und zu schreiben. 

Manches Mal, wenn ich im Radio Nachrichten höre, da bekomme ich schon Aggressionen, was die Sprecher da so von sich geben, im ÖRR. 

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01.04.2019 um 11:29 Uhr

Gibt es in Deutschland, ein Buch der Sprachhelden, vergleichbar wie das groene boekje (grünes Buch) der Sprachunion (Nederlandse taalunie)?

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09.04.2019 um 18:18 Uhr

Die deutsche Sprache war nie einheitlich,fasst  jedes Dorf nutzte eigene, individuelle Worte, jede Region bediente sich eines eigenen Dialektes. Eine Verständigung untereinander war oftmals derart schwierig, das sich der Adel meistens der französischen Sprache bediente.

Erst sehr spät wurde das Hochdeutsch, die Sprache der Preußen, als Amtssprache eingeführt.

Ich selber bin mit Hochdeutsch aufgewachsen, musste aber bemerken, das sich die Sprache, je nach Region in der man lebt, automatisch einfärbt.

In den letzten Jahren wurde durch die Abkürzungen, bezüglich  sms und chat wieder ein Wandel unserer Sprache hervorgerufen.

Ich selber bedaure das und muss anmerken, das sich die Autoren, soweit ich ihre Werke gelesen habe,  einer vortrefflichen Wortwahl befleisigen.

Aber alles ist stetig im Wandel... alles kommt und geht. Es ist fraglich ob unsere Erde in 100 Jahren noch bewohnbar ist.

Wir sollten daher dem Wandel der Sprache nicht zu viel Bedeutung beimessen.

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Söldner

Autor. Fördermitglied.

12.04.2019 um 14:39 Uhr

Sensei Bernd

Aber alles ist stetig im Wandel... alles kommt und geht. Es ist fraglich ob unsere Erde in 100 Jahren noch bewohnbar ist.

Wir sollten daher dem Wandel der Sprache nicht zu viel Bedeutung beimessen.

Doch Bernd, sollten wir. Du bedauerst den Verfall der Sprache. Also bitte ich um konsequenten und stilvollen Widerstand gegen den Zeitgeist der Verblödung. Hoch die Instrumente! So wie auf der Titanic die Kapelle bis zum Untergang spielte, legen wir Wert auf klaren und guten Ausdruck. Die Musik verhinderte den Untergang des Schiffes nicht. Aber sie war präsent. Darum geht es.

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Meister Y

Autor. Fördermitglied.

12.04.2019 um 17:36 Uhr

Söldner

Sensei Bernd

Also bitte ich um konsequenten und stilvollen Widerstand gegen den Zeitgeist der Verblödung. Hoch die Instrumente! So wie auf der Titanic die Kapelle bis zum Untergang spielte, legen wir Wert auf klaren und guten Ausdruck. Die Musik verhinderte den Untergang des Schiffes nicht. Aber sie war präsent. Darum geht es.

Genau darum geht es. Wir alle werden den Verfall der Sprache nicht verhindern, können aber unseren Teil dazu beitragen, ihn hinauszuzögern. Wobei man über den Begriff Verfall auch trefflich streiten kann. Oftmals ist genau dieser Verfall nämlich Zeitgeist, ist der "modernen" Art der Konversation geschuldet. Erlaubt z.B. Twitter nur eine bestimmte Anzahl an Zeichen, neigt man klar dazu, mit diesen wenigen Zeichen auszukommen und dennoch so viel wie möglich in die wenigen Zeichen zu packen.

Einen weiteren Aspekt sollte man nicht vergessen. Schrift gehört unabdingar zu Sprache dazu und damit meine ich nicht das Tippen auf dem Smartphone oder der Tastatur. Gerade hier scheint der Verfall weit fortgeschritten zu sein. Da gibt es Lehrpläne in denen Schreibschrift schon gar nicht mehr vorkommt. Unglaublich viele Menschen, die schon gar nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, Zeilen auf Papier zu schreiben (vom gepflegten Deutsch mag ich mal gar nicht reden) oder verstehend zu lesen.

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